Begriffe, Rituale, Symbole im Dojo – Kagami (Spiegel)

In dieser Blog-Reihe möchte ich die Bedeutung und Verwendung verschiedener Begriffe, Rituale und Symbole der japanischen Kultur in einem traditionellen Kampfkunst-Dōjō erklären.

Kagami (鏡) – Spiegel

Spiegel sowie spiegelnde Oberflächen (z.B. Wasser) üben schon immer eine faszinierende Wirkung auf die Menschen aus. Das Erkennen des eigenen Spiegelbildes erfordert Abstraktionsvermögen und ist ein Zeichen von Intelligenz. Kleinkinder müssen diese Fähigkeit erst erwerben, den meisten Tieren fehlt sie ganz.

Der Spiegel ist in vielen Weltkulturen ein Symbol sowohl für Eitelkeit als auch für Selbsterkenntnis und Wahrheit, da er alles unverfälscht reflektiert. Im erweiterten Sinne steht er auch für die nach außen – für die anderen – zur Schau getragene Oberfläche, die Fassade, die unser wahres Selbst verbirgt. Im religiösen Kontext ist er eine Verbindung zum Übernatürlichen, Göttlichen. In manchen Kulturen glaubt man, der Spiegel könne eine Seele beherbergen, oder auch einfangen und festhalten. Oder ein Spiegel könne das Böse fernhalten.

Die japanische Kultur ist hauptsächlich vom Shintō (神透, „Weg der Götter“) geprägt. In der japanischen Mythologie haben Spiegel eine große Bedeutung. So soll einer der ersten beiden Kami (神, „Gott, Götter“) einen ‚göttlichen‘ Spiegel gemacht haben, mit dessen Hilfe er weitere Götter, darunter auch die Sonnengöttin Amaterasu-no-ōkami (天照大神 „Am Himmel scheinende große erlauchte Göttin“) erschuf. Als ihr ungezügelter Bruder eine ihrer Dienerinnen tötet, versteckt sich die Sonnengöttin erzürnt in einer Höhle, woraufhin die Welt in Finsternis zurückbleibt. Die anderen Götter schaffen es durch eine List, sie mithilfe eines Spiegels, in dem sie ihren eigenen Glanz sieht und neugierig wird, aus der Höhle zu locken, worauf das Licht zurück in Welt kommt. Später sendet Amaterasu ihren Enkel Ninigi-no-mikoto auf die Erde und gibt ihm drei Geschenke mit: den göttlichen Spiegel Yata-no-Kagami (eben jener, mit dem sie aus der Höhle gelockt wurde), das göttliche Schwert und die göttlichen Edelsteine. Und sie sagte zu ihm: „Wenn du in diesen Spiegel schaust, ist es als schautest du mich selbst an“. Deshalb wird der Spiegel im Shintō als Verbindung zur göttlichen Welt gesehen. Ninigi-no-mikoto soll der Urgroßvater des ersten japanischen Kaisers Jimmu gewesen sein, deshalb gelten diese drei Insignien als Beweis für die Abstammung des Kaisers von der Sonnengöttin.

Der Yata-no-Kagami wird heute im Ise-Schrein aufbewahrt aber niemals gezeigt. Doch jeder Shintō Schrein hat einen eigenen Spiegel, und auf den Kamidana (神棚, „Götterregal“), kleine Altäre in japanischen Häusern und eben auch in vielen traditionellen Dōjōs, steht ein kleiner Spiegel.

Im Buddhismus, der ebenfalls eine große Rolle in der japanischen Kultur spielt, ist der Spiegel eines der acht kostbaren Dinge. Der Spiegel zeigt die Gegenwart wie sie ist, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen, ohne sie durch Theorien (Wissenschaft, Verstand) zu interpretieren, ohne durch Emotionen beeinflusst zu sein, ohne Vergangenheit oder Zukunft. Er symbolisiert somit die Seele im Zustand der Reinheit, den erleuchteten Verstand, aber auch die Aufrichtigkeit. Der Mensch soll ‚erwachen‘ zu einem achtsamen Leben im ‚Hier und Jetzt‘ und damit Erkenntnis und Weisheit erlangen. So wie die Oberfläche eines Spiegel von Staub muss man sein Inneres reinigen von allem, was den Blick auf die Wahrheit trüben könnte.

In einem Kampfkunst-Dōjō (道場, „Ort des Weges“) dient das Üben der Kampftechniken neben körperlicher Fitness, Gesundheit und Selbstverteidigungsfähigkeit vor allem der geistigen, charakterlichen und spirituellen Weiterentwicklung. Ausgewählte Symbole können uns, jenseits ihrer religiösen Herkunft, daran erinnern. So hat ein kleiner Spiegel, an einem speziellen hervorgehobenen Platz im Raum aufgestellt, verschiedene Bedeutungen. Er ermutigt uns, das wahre, unverfälschte Selbst in uns und anderen zu erkennen und unsere Fassade aufzugeben. Uns mit allen unseren Stärken aber auch Fehlern und Schwächen liebevoll anzunehmen. Das ‚göttliche‘ und einmalige in jedem von uns zu sehen und wert zu schätzen. Achtsam im ‚Hier und Jetzt‘ zu sein. Unsere Glaubenssätze und Vorbehalte zu hinterfragen und aufzugeben. Angst, Wut, Zweifel, Habsucht und Neid zu überwinden. Dazu ist beständige und harte Arbeit an uns nötig. Darüber hinaus zu sehen, dass wir alle Teil von etwas größerem sind, egal ob man es ‚Schöpfung‘, das ‚Göttliche‘ oder einfach nur ‚Universum‘ nennt. Alles und Jedes hat dort einen Platz und eine Aufgabe. Alles ist beständigem Werden und Vergehen unterworfen, auch wir. Was ist unsere Bestimmung im Leben, was können wir bewirken, was werden wir hinterlassen?

Eine besondere Rolle spielt das Symbol des Spiegels bei der Kagami Biraki Zeremonie zum Neuen Jahr.

„Wer in den Spiegel des Wassers blickt, sieht allerdings zunächst sein eigenes Bild. Wer zu sich selber geht, riskiert die Begegnung mit sich selbst. Der Spiegel schmeichelt nicht, er zeigt getreu, was in ihn hineinschaut, nämlich jenes Gesicht, das wir der Welt nie zeigen, weil wir es durch die Persona, die Maske des Schauspielers, verhüllen. Der Spiegel aber liegt hinter der Maske und zeigt das wahre Gesicht. Dies ist die erste Mutprobe auf dem inneren Wege, eine Probe, die genügt, um die meisten abzuschrecken, denn die Begegnung mit sich selber gehört zu den unangenehmeren Dingen, denen man entgeht, solange man alles Negative auf die Umgebung projizieren kann.“ (Carl Gustav Jung ‚Bewusstes und Unbewusstes‘)


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